Berichte von 2000

Alfons der Weihnachtsengel

Der Himmel war wie leergefegt. Nichts regte sich in den hohen Wolkentürmen, die sonst erfüllt waren von den eiligen Schritten der Engel, und die von ihrem glockenhellen Lachen und Klingen ihrer Harfen widerhallten. Nur in dem kleinen Haus am Eingang brannte noch Licht.
Dort saß der Engel Alfons und platzte fast vor Stolz. Denn er durfte heute die himmlische Telefonzentrale bedienen und den Pförtnerdienst versehen - und das als ein Engel dritter Ordnung, dem nur Handtellergroße Flügel auf dem Rücken wuchsen. Normalerweise war er Bürobote und Laufbursche für den Erzengel Gabriel, aber der war, wie alle anderen an diesem Abend ausgeflogen.
Zum ersten Mal freute sich Alfons, dass er nicht mit im großen Engelschor hatte singen dürfen, weil er nie den Ton halten konnte und die Anderen immer aus dem Takt brachte. Er war einfach unmusikalisch, nicht zuletzt darum war er auch immer ein Engel dritter Klasse geblieben.
Doch heute hatte er endlich seine große Chance. Er würde alle Aufgaben des Abends meistern, malte er sich aus. Er würde die Neuankömmlinge umsichtig einweisen, alle auflaufenden Bitten notieren und dann an die richtigen Stellen weiterleiten. Er stellte sich vor, wie der Erzengel nach seiner Rückkehr einsehen würde, dass er, Alfons zwar nicht singen konnte, aber dafür andere Fähigkeiten hatte, und dass Gabriel seinen Irrtum einsehen und ihn endlich zu einem Engel zweiter Ordnung befördern würde.

Gespannt blickte er auf die Wolkenbrücke, die den Himmel mit der Erde verband. Doch bis jetzt war noch niemand angekommen, und auch das Telefon war stumm geblieben.
Gelangweilt schaltete er das Radio ein. Nach ein wenig Sphärenmusik meldete sich das himmlische Verkehrsstudio: „ Achtung, Achtung “, sagte der Sprecher, „ Staus auf der Engelstrasse 28 in Höhe des Ortes Bethlehem. Alle Engel werden gebeten, vorsichtig an das Stauende heranzufliegen, es ist schon zu Rempeleien gekommen! “
„ Aha „, dachte Alfons, „ da sind sie also alle hin! Aber was wollen sie dort? So viel ich weiß gibt es dort nur ein paar herunter gekommene Häuser. “

Er überlegte angestrengt. Sollte dieses heruntergekommene und verschlafene Nest der Grund für die große Aufregung in den letzten Wochen gewesen sein? Der Erzengel Gabriel war sehr nervös gewesen, er hatte ständig an seiner Rede geübt, und Alfons ein ums andere Mal zur Schreibstube gescheucht, um das Manuskript ändern zu lassen.
Dafür hatten also auch die himmlischen Chöre bis zur Heiserkeit geübt? Vielleicht hätte er doch genauer hinhören sollen, als der Erzengel vor einiger Zeit den Grund für die umfangreichen Vorbereitungen genannt hatte! Aber Alfons hatte sich hinter den großen Stern verkrochen, den er zu Polieren hatte, dann träumend auf seiner Wolke gesessen und auf die bunte Erde herabgeschaut.

Er hatte höchst interessiert drei Männer beobachtet, die sich aus weit voneinander entfernten Ländern nahezu zur gleichen Zeit aufmachten, und sich während der Rede des Erzengels trafen. Sie hatten sich erstaunt begrüßt, dann Karten hervorgeholt, und schließlich Fernrohre, mit denen sie den Himmel absuchten. Als Alfons sah, dass sie ihre Gläser ganz genau auf ihn gerichtet hatten, hatte er ihnen freundlich zugewinkt , während er wieder begann, den großen Stern zu putzen, wie Gabriel es ihm aufgetragen hatte. Die Männer sollten ja sehen, wie wichtig er war, und wie emsig er arbeitete.
Aber bei alledem hatte er, wie gesagt, nicht zugehört, und seitdem hatte niemand im ganzen großen Himmel auch nur einen Augenblick Zeit gefunden, um ihm zu erklären, worum es ging. Alle waren so beschäftigt gewesen, bis sie sich vor wenigen Stunden alle versammelt und vom Himmel hinab auf die Erde geflogen waren.


Immer noch war niemand auf der Wolkenbrücke zu sehen. „ Ausgerechnet heute kommt keiner „, brummte Alfons in sich hinein. Um sich zu beschäftigen, griff er nach seiner Brottasche. Er räumte den Schreibtisch frei, breitete eine Serviette aus und freute sich auf eine Extraration Manna und Nektar, die heute verteilt worden war.
Doch plötzlich erstarrte er. Anstatt auf weiches und duftendes Himmelsbrot stieß seine Hand auf etwas hartes! Er zog an dem Paket, und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Denn was er in der Hand hielt, waren die Notenblätter für das neue Lied, das die Engelschöre an diesem Abend erstmals singen sollten! Das hieß, der Erzengel Gabriel war mit seiner Brottasche unterwegs!
Und dann fiel es ihm wieder ein. Als er gegen Abend das Pförtnerhaus betrat, hatte er, ordentlich wie er nun einmal war, seine Brottasche neben die Andere an die Garderobe gehängt. Da im Himmel im Bezug auf Brottaschen das Gleichheitsprinzip galt, unterschieden sich die Beiden nur durch einige eingedruckte Buchstaben in der rechten unteren Ecke.
Und da prangten auf der Tasche, die nun vor ihm auf dem Tisch lag, die Lettern ERZG, und das hieß nun einmal Erzengel Gabriel, und nicht EDOA, nämlich Engel dritter Ordnung Alfons! Er hatte noch daran gedacht, genau aufzupassen, wer die Tasche Gabriels abholen würde, damit keine Verwechslung geschehen konnte. Doch dann war so ein großer Trubel gewesen, und er war hinausgegangen, um den Abflug der himmlischen Heerscharen zu beobachten. Denn das war viel interessanter, als nur in der Pförtnerloge zu sitzen. Irgendwann war dann sicher auch Gabriel an ihm vorbeigestürmt, aber das war ja nun egal.


Es durchfuhr ihn kalt. Im Radio hörte er die Stimme des Engelreporters, der live aus Bettlerheim, oder wie immer das hieß, sendete und nun berichtete, dass die himmlischen Heerscharen inzwischen Aufstellung nahmen und der Erzengel dabei war, ein Podium zu betreten, um von dort aus der Rede zu halten. Alfons flatterte am ganzen Körper, als der Reporter mit bedeutungsvoller Stimme schilderte, was sich dort unten abspielte! „ Der große Augenblick ist gekommen. In wenigen Augenblicken wird sich das himmlische Licht auf die Erde ergießen. Alles ist vorbereitet. Noch ist das Feld bei Bethlehem in tiefes Dunkel getaucht. Nur ein kleines Feuer brennt, an dem einige Hirten sitzen, die in dieser Nacht Wache bei einer Schafherde halten. Nun ist es soweit. Der Erzengel hebt seine Hand, der Himmel teilt sich und das Licht flutet herab. Es ist unbeschreiblich, was sich dort unten abspielt. Die Hirten sind aufgesprungen, die Hunde gebärden sich wie toll, und auch die Schafe laufen unruhig umher. Doch nun tritt Ruhe ein und die Szene erstarrt, und nun können wir die Stimme des Erzengels Gabriel hören: Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt ihr zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegen.“
Nun war wieder die Stimme des Reporterengels zu hören: „ Eine unglaubliche Spannung liegt über der Szene. Gleich werden die himmlischen Heerscharen ihren ersten Einsatz haben.“
Und es klang gewaltig, als nun die ganze Menge der Engel in den Ruf ausbrach: „ Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.“

Um das zu hören, hätte Alfons allerdings kein Radio gebraucht, denn diese Worte durchdrangen den ganzen Himmel, und klangen von draußen herein. Der Reporter fuhr fort: „ Nun ist das Licht erloschen. Die Hirten beraten. Sie raffen einige Sachen zusammen und machen sich auf den Weg. In etwa einer Stunde werden sie Bethlehem erreicht haben. Dort werden die himmlischen Heerscharen sie nochmals empfangen, und zu Ehren Gottes das neu geschaffene Lied zur Geburt Jesu vortragen. Ich gebe weiter an meine Kollegin in Jerusalem, die uns einen Lagebericht aus dem Palast des Herodes geben wird. Engel Apollonia, hören sie mich? “
Die Reporterin übernahm: „ Ja, ich höre sie sehr gut. Hier ist Jerusalem. Gerade eben haben die heiligen drei Könige den Palast des Herodes verlassen. Sie haben den Stern wieder entdeckt und steuern nun direkt auf ihn zu. Auch sie werden in einer Stunde rechtzeitig zum Jubelgesang am Stall eintreffen! “

 

Alfons drehte das Radio ab: „ Jubelgesang, schön wärs! “, dachte er sich. Eine Stunde, und dann kommt die große Blamage, und ich bin daran Schuld. Zugleich fiel ihm ein, dass er sich wohl gründlich getäuscht hatte, als er meinte, die drei Männer hätten ihm so freundlich zugewinkt, als er den Stern polierte. Warum hörte er nur immer nicht genau zu, wenn Gabriel redete? Aber egal, nun war es zu spät. Er saß in der Pförtnerloge des Himmels und hielt die Noten und den Text für den großen Gesang der himmlischen Heerscharen auf dem Schoss.
„ Gabriel wird toben. “ , dachte der Engel Alfons schaudernd, „ er wird mich in eine Außenstelle versetzen, und dann kann ich irgendwo am Rande des Weltalls Sternentrümmer zusammenharken! “
Aber was sollte er tun? Er durfte seinen Platz auf gar keinen Fall verlassen. Die Pförtnerloge des Himmels musste ständig besetzt sein. Unvorstellbar, wenn eine Seele ankäme und fände das Himmelstor verschlossen vor!
Noch fünfzig Minuten bis zum großen Gesang. Alfons schwitzte, die Locken seines Haarkranzes und auch seine Flügelchen waren schon ganz nass. Nur noch fünfundvierzig Minuten.
Alfons stand auf: „ Egal „, dachte er sich, „ich kann hier nicht ruhig sitzen bleiben. “

Entschlossen griff er sich ein Stück Papier und schrieb darauf die Worte: Komme gleich wieder. Er befes-tigte den Zettel am Himmelstor, legte den Schlüssel unter die Fußmatte, klemmte sich die Tasche mit den Noten unter den Arm und rannte los. Nach einigen Metern Anlauf konnte er in einen flachen Gleitflug übergehen, mehr war mit seinen Flügeln dritter Ordnung einfach nicht drin.
Die Engelsstrasse E 35 machte eine sanfte Linkskurve durch das Weltall. Nach einigen Minuten nahm er die Abzweigung Richtung Erde. Endlich hatte er die E 28 erreicht. Über Afrika hinweg führte sie direkt in Richtung Jerusalem. Kairo tauchte auf, die Wüste Sinai.
Alfons keuchte, das Fliegen machte ihm allmählich mühe. Nun gut, er war nun mal der dickste Engel in Gabriels Büro, aber er hatte nie eingesehen, warum das ein Handicap sein sollte. „ Wenn ich das schaffe „, schwor er sich, „ werde ich nie wieder mehr als ein Stückchen Himmelstorte essen! “

Und dann passierte es: seine Füsse sanken nach unten, sie schleiften auf dem unsichtbaren Boden, seine Flügelchen versagten ihren Dienst, er fiel hin und überschlug sich. Federn stoben, der Aufprall riss ihn herum, er kullerte über die Begrenzung der Engelsstrasse hinaus und landete in einer großen Pfütze. Zerschunden und verdreckt rappelte er sich hoch. „ Aus „, dachte er, „ aus und vorbei. Nun bin ich zu allem Überfluss auch noch ohne Erlaubnis auf der Erde. Ich werde nicht einmal mehr Sternenstaub auffegen dürfen. Ich werde meine Flügel ganz verlieren und als Engel vierter Ordnung nur noch die Erdachse schmieren dürfen! “
Alfons begann zu weinen. Er hatte es verpatzt, er ganz allein! Da sah er nicht weit von sich den Stern blinken, den er poliert hatte. Der stand unbeweglich über einer Bretterhütte. Hinter sich hörte er Stimmen. Die Hirten, die vom Feld kamen. Etwas weiter entfernt schnaubte ein Kamel. Das mussten die Könige sein!
Alfons wischte sich Tränen und Schmutz aus dem Gesicht und begann zu laufen. Sein Engelsgewand zerriss an Dornen, Steine zerschrammten ihm die Füße, seine Flügel flatterten zerfetzt hinter ihm her. Da hörte er über sich wieder die Stimme des Engelreporters. Sie klang besorgt: „ In fünf Minuten werden die himmlischen Heerscharen ihre Stimmen zum schönsten Gesang erheben, den die Erde seit ihrer Erschaffung gehört hat! Aber, meine lieben Hörerinnen und Hörer, es gibt noch technische Probleme. Deshalb senden wir bis zum Einsatz des Gesanges noch ein wenig Musik! “ „ Technische Probleme, sollen Engel denn lügen „, fragte sich Alfons.

Was sich über ihm abspielte, war kaum zu beschreiben. Die himmlischen Heerscharen waren in heller Aufregung. Alle rannten wie wild durcheinander, sie ruderten mit den Armen, und mitten in dem ganzen Chaos stand Gabriel und starrte ungläubig auf eine Flasche Nektar und auf eine Extraration Manna in seinen Händen. „ Mein Abendessen „, dachte Alfons, und dann hörte er die Stimme des Erzengels, die den Himmel erzittern ließ: „ Wo ist dieser nichtsnutzige Alfons? “ , Schrie er. Alfons erstarrte, hielt die Tasche mit den Noten über seinen Kopf und schrie voller Verzweiflung: „ Hier, hier bin ich! “
Aber niemand hörte ihn. Und selbst, wenn in diesem Augenblick einer der Engel nach unten geschaut hätte, hätte ihn niemand erkannt, so verdreckt wie er war. Er sah aus wie ein abgerissener Kameltreiber, aber nicht einmal entfernt einem Engel ähnlich.

In diesem Augenblick hatten die Hirten das eine, die Könige das andere Ende der Strasse erreicht. Es blieb nur noch wenige Minuten. Gabriel raufte sich die Haare. Alfons Abendessen klatschte auf den himmlischen Boden. Da nahm der arme Engel unten auf der Erde alle seine Kraft zusammen, und schleuderte die Tasche mit den Noten hinauf in den Himmel. Sie stieg hoch und höher, und endlich auf dem Scheitelpunkt ihres Fluges öffnete sie sich, und die Notenblätter regneten auf die himmlischen Heerscharen herab.
Im Handumdrehen hatten alle ein Blatt in der Hand, und der Erzengel, zu überrascht, um sich zu fragen, was geschehen war, rief: „ Achtung, alles jetzt auf die Plätze! “ In diesem Moment erreichten die Hirten und die Könige den Stall von Bethlehem, der Himmel erstrahlte in seinem hellsten Licht, und ein Gesang von unglaublicher, nie vorher gekannter Schönheit erfüllte die ganze Schöpfung!

Alfons nutzte die Gelegenheit, und schlüpfte zusammen mit den Hirten in das Innere des Stalls. Gabriel sollte ihn auch jetzt lieber noch nicht sehen. Umströmt vom Gesang der Engel sank er mit den anderen vor Gottes Sohn in die Knie. Das Kind sah ihn an, und es schien so, als zwinkerte es ihm zu, aber das waren doch wohl nur seine überreizten Nerven. Neben ihm brachten Hirten und Könige ihre Gaben dar. Dann schauten alle erwartungsvoll auf ihn. Alfons wäre am liebsten in den Boden versunken! „ Typisch „, dachte er, „ typisch, natürlich habe ich nichts dabei, woher auch? Jetzt werden mich alle für einen Geizkragen halten! Was bin ich doch nur für einen Pechengel! “
Da fiel sein Blick auf die Krippe, in der das Kind lag. Ein paar Stofffetzen, ein wenig Stroh, sonst nur raues und rissiges Holz. Er schaute sich um. Alle anderen waren beschäftigt. Alfons griff sich auf den Rücken. Von seinen Flügeln war nicht viel übrig geblieben, aber ein paar Federn ließen sich doch noch herauszupfen. Die legte er vorsichtig in die Krippe und schlich davon.

Mühsam kletterte er auf die E 28 zurück und machte sich auf den langen Heimweg. Aber es war ihm egal, was Gabriel bei seiner Rückkehr mit ihm machen würde. Er fühlte sich so froh und glücklich wie nie zuvor. Und er tat etwas, was er noch nie zuvor freiwillig getan hätte: er sang lauthals auf der einsamen Engelsstrasse , und es schien ihm , als klänge sein Halleluja gar nicht mehr so falsch! Je länger er lief, um so fröhlicher wurde er. Tiefer Friede erfüllte ihn, und dann begann er, fröhlich zu hüpfen.
Doch was war das? So große Sprünge hatte er ja noch nie gemacht! So hoch war er mit seinen Flügeln dritter Ordnung noch nie gekommen! Vorsichtig ließ er sich auf den Boden gleiten. Er sah an sich herab. Sein Kleid war immer noch zerrissen und schmutzig, aber irgendetwas hatte sich verändert!
Er wollte sich umschauen und stieß mit dem Kopf an etwas Weiches! Alfons fasste sich auf den Rücken: da waren Flügel!

Grosse, weiche Engelsflügel für einen Engel zweiter Ordnung!


Wolf Matthias Gallien, Dezember 2001

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